50 Jahre Berliner Symphoniker®

Mit hohen künstlerischen Zielen voran ins sechste Jahrzehnt der Berliner Symphoniker®

Für die Berliner Symphoniker® und ihre Konzertbesucher geht mit diesem Silvesterkonzert 2016 das Jubiläumsjahr des Orchesters zu Ende. Es ist ein Anlass, an dieser Stelle die Geschichte des Ensembles noch einmal vorüberziehen zu lassen und insbesondere auch die musikalischen Ereignisse der Konzertprogramme des Jahres 2016 nachträglich zu würdigen.

Der Mauerbau 1961 war indirekter Auslöser der Entstehung des Orchesters. Genau genommen gründete man jedoch kein neues Ensemble, sondern vereinigte zwei Orchester. Denn seit dem Ende der fünfziger Jahre existierten in Berlin auch zwei privat getragene Symphonieorchester, das „Berliner Symphonische Orchester“ unter Carl August Bünte und das „Deutsche Symphonie-Orchester“ unter Hans-Joachim Wunderlich. Diese beiden nahmen nach dem 13. August jene Musiker auf, die nun von ihren bisherigen Arbeitsorten im Ostteil Berlins abgeschnitten waren. Um auch unnötige Konkurrenzen der beiden Orchester von vornherein zu vermeiden und die bisher auf zwei Orchester verteilten und nur spärlichen Zuschüsse des Landes zu bündeln, sollte durch eine Fusion der beiden Orchester ein künstlerisch-organisatorischer Neubeginn einsetzen. Mit Unterstützung des Senats wurde am 1. Juni 1966 ein Verein gegründet, der unter dem Namen „Berliner Orchestervereinigung e. V.“ der Rechtsträger für das geplante, durch die Zusammenlegung noch zu gründende „Symphonische Orchester Berlin“ wurde. Dieses begann seine Konzerttätigkeit damit erst im darauf folgenden Jahr. Erster Intendant war Dr. Gerhard Becker.

Eine der wichtigsten Personen dieser ersten Stunde war Hans Chemin-Petit, Komponist und Professor an der damaligen HdK, er saß dem Trägerverein bis 1975 vor. Zum Chefdirigenten wählte man Carl August Bünte (geb. 1923). Dieser rührige Musiker, der bereits der Leiter eines der Vorläufer-Orchester war, spielte eine hohe Zahl an Aufnahmen auf Schallplatte ein – ebenso war sein Repertoire außergewöhnlich umfangreich wie auch von den breiten Pfaden abweichend.

Rasch konnte sich das neue „SOB“, wie der Kürzel des Orchesters lautete, im Berliner Musikleben etablieren. Völlig neu waren Konzepte für eine spezielle pädagogische Tätigkeit an den Berliner Schulen; in breitem Rahmen wurden Jugendliche an die klassische Musik herangeführt. Besonders müssen die großen Konzerttourneen auch der Anfangsjahre herborgehoben werden, wie jene durch Südamerika 1970; unvergessen bleibt ebenfalls die Mitwirkung am kulturellen Rahmenprogramm der Olympischen Spiele von 1972 in München.

Konzertmeister Walter Forchert, der 1969 zu den Bamberger Symphonikern wechselte, wurde durch den jungen Götz Bernau ersetzt, der bis zu seiner Pensionierung 2004 auf diesem Posten bleiben sollte. Mit ihm erhielt das Orchester nicht nur einen Künstler und Virtuosen ersten Ranges, sondern auch jemanden, der sich unermüdlich um die Wiederbelebung vergessener Violinkonzerte (besonders des 19. Jahrhunderts) wie aber auch der Präsentation zeitgenössischer Violinmusik verdient machte.

Das Jahr 1973 bildete eine personelle Zäsur in der Entwicklung des gerade siebenjährigen Orchesters. Franz Offermans wurde nach dem Tod Gerhard Beckers neuer Intendant. Carl August Bünte verließ das Orchester, um sich in Japan neuen künstlerischen Aufgaben hinzugeben. Fast zwei Jahre fand man für ihn keinen geeigneten Nachfolger, jedoch konnte mit verschiedenen Gastdirigenten ein geregelter Konzertbetrieb aufrecht erhalten werden. Im September 1975 wurde der Amerikaner Theodore Bloomfield Chefdirigent. Seine herausragende künstlerische Arbeit wurde 1977 mit der Verleihung des Berliner Kritikerpreises gewürdigt. Regelmäßige große Tourneen ins europäische Ausland 1977, 1979 und 1981 machten das Orchester zum nun international anerkannten Botschafter des Berliner Musiklebens. Bloomfield war ein etwas exzentrischer Künstler, da manche Werke seiner Spielpläne weitab des Repertoires lagen; zudem hatte er in seinem Wesen manches einer exaltierten Künstlerpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts an sich. Unbestritten bleiben aber  seine Verdienste um die Steigerung der künstlerischen Qualitäten des Ensembles wie auch um dessen internationale Reputation.

1975 übernahm Professor Helmut Roloff den Vorsitz des Trägervereins. Bis dato Direktor der Staatlichen Hochschule für Musik, sollte er jetzt 25 Jahre erfolgreich und nachhaltig den Verein führen. Demgegenüber war die Ära Bloomfield von häufigem Wechsel der Intendanten gekennzeichnet. Franz Offermans wurde 1976 von Heinz Hoefs abgelöst, 1978 trat Gideon Rosengarten, der musikalische Leiter des Staatlichen Israelischen Rundfunks, dieses Amt für vier Jahre an. Eine kurze Interimszeit wurde 1984 mit der Amtsübernahme von Norbert Thomas beendet, der mit glücklicher Hand und organisatorischem Können das Orchester vier Jahre lang von allen Krisen fern halten konnte.

Theodore Bloomfield löste Ende 1982 seine vertragliche Verpflichtung dem Orchester gegenüber, da er sich nicht mehr imstande sah, seine künstlerischen Vorstellungen und die stellenplanmäßige Erweiterung des Orchesters aufgrund der angespannten Haushaltslage umzusetzen. So trat Daniel Nazareth 1983 das Amt des Chefdirigenten an. Unter ihm setzte sich der künstlerische Höhenflug Bloomfields fort – ihm gelang es, das Orchester an die großen, stark besetzten Werke der Spätromantik heranzuführen. Anfang der achtziger Jahre war es unter der in Berlin nun regierenden CDU-FDP-Koalition endlich möglich, die von Bloomfield geforderten Verstärkungen der Orchesterplanstellen zu realisieren. Dadurch wurde das Orchester auf eine sichere Basis gestellt. Aber die Ära Nazareth war bedauerlicherweise nur von zweijähriger Dauer. Wie schon nach dem Weggang C. A. Büntes dauerte es eine Weile, bis ein neuer geeigneter Chefdirigent gefunden wurde. Bis zu dessen Amtsübernahme 1986 war als ständiger Gastdirigent in dieser Zeit Wolf-Dieter Hauschild tätig. Zehn Jahre führte nun der neue künstlerische Leiter Alun Francis das Orchester. Dieser widmete sich auch der bis dato etwas vernachlässigten Musik des 20. Jahrhunderts und führte mit den „Crossover“-Konzerten, in denen er populäre Klassik mit Jazzkompositionen kombinierte, ein in Berlin bisher wenig bekanntes, aber bald höchst beliebtes Modell in den Spielplan ein.

Dem Intendanten Norbert Thomas folgte 1989 nach kurzer Interimszeit Jochen Thärichen, der selbst aus einem alten Musikergeschlecht stammte. Unter seiner Leitung wurde die Zahl der alljährlichen Konzerte bedeutend erweitert. Nach der Wiedervereinigung 1990 trat das Orchester, alternierend mit der Philharmonie, auch im Schauspielhaus (heute Konzerthaus) am Gendarmenmarkt auf. Unter Thärichen wurde eine weitere populäre Konzertform eingeführt, die „Konzerte für die ganze Familie“. Diese fanden zunächst im Kammermusiksaal der Philharmonie statt – wegen des überwältigenden Erfolges bald auch im Großen Saal. Bedeutsam wurde 1990 die Umbenennung des Orchesters. Aus dem „Symphonischen Orchester Berlin“ wurden nun die „Berliner Symphoniker“, um auf diese Weise dem gewachsenen internationalen Renommee des Ensembles auch durch die Namensgebung mehr Ausdruck zu verleihen.

Wie schon bei der Gründung des Orchesters 1966 wurde Anfang der neunziger Jahre nochmals ein arbeitsmarktpolitischer Akzent gesetzt. Das im Rahmen der Wiedervereinigung im Einheitsvertrag übersehene (Ostberliner) Rundfunk-Orchester Berlin (vormaliger Chefdirigent Robert Hanell) fusionierte juristisch mit den Berliner Symphonikern®. Dafür wurde der „Berolina-Orchester e. V.“ gegründet, der mit seinem Namen an die populären Berolina-Konzerte des Rundfunk-Orchesters im Ostteil vor 1989 erinnern wollte, welche als besondere Reihe innerhalb des Spielplans der Berliner Symphoniker® weiterlebten.

Lior Shambadal übernahm 1996 von Alun Francis die Geschäfte des musikalischen Leiters. Der agile, international hoch geschätzte Posaunist, Bratscher, Komponist und Dirigent erweiterte das Orchesterrepertoire um viele zu Unrecht vergessene Werke der deutschen Romantik und Spätromantik. Auch das ließ das bundesweite Ansehen des Orchesters nochmals wachsen, was ein Anlass war, den „Partnerverein für die Berliner Symphoniker® e. V.“ zu gründen. Dieser ist ein Zusammenschluss zahlreicher Berliner Bürger, die auf der Basis klassischen Mäzenatentums die Arbeit des Orchesters fördern.

Leider führte seit dem Ende der neunziger Jahre eine beispiellos verfehlte Kulturpolitik des Berliner Senats, insbesondere nachdem die deutsche Hauptstadt durch eine rot-rote Regierung geführt wurde, zu immer geringer werdender Förderung durch das Land Berlin. Als die Förderung 2004 trotz größter Proteste der Bürgerschaft, der Abonnenten wie auch vieler Künstler des In- und Auslandes schließlich ersatzlos eingestellt wurde, kam es zur nicht mehr vermeidbaren Insolvenz. Es gelang Jochen Thärichen trotz aller Widrigkeiten, die Saison 2004/05 mit ihrem Konzertprogramm zu Ende zu führen. Mit dem Beginn des Insolvenzverfahrens am 1. September 2004 verlor der 1966 gegründete Trägerverein seine Geschäftsfähigkeit, er blieb aber dennoch bestehen. Jetzt übernahm der Berolina-Orchester e. V. die Trägerrolle, um diesmal die Musiker vor der Arbeitslosigkeit zu schützen. Dem Trägerverein gelang es, mit der Mitarbeit vieler freiwilliger und ehrenamtlicher Helfer, die unentgeltlich ihre Unterstützung leisteten, eine reduzierte Konzertarbeit weiterzuführen, was auch nicht ohne die Treue der vormaligen Abonnenten möglich gewesen wäre. Die Durchführung von Tourneen, die 2005 u. a. bis nach China, Japan und Korea führte, ermöglichte das Überleben des Orchesters. Dennoch müssen die Jahre 2004 und 2005 als unverdienter, erzwungener Bruch innerhalb einer bemerkenswerten und höchst erfolgreichen Entwicklung eines Berliner Spitzenorchesters gesehen werden, eine Zäsur, die durch einen willkürlichen Akt des Senats rücksichtslos herbeigeführt wurde.

Doch war das Engagement vieler Bürger zu „ihren“ Berliner Symphonikern® ungebrochen. Unzählige Unterschriftenaktionen versuchten die Entscheidungen des Senats rückgängig zu machen. Die letzten lebenden „Gründungsväter“ von 1966, Hans-Bodo von Dincklage und Peter Pucks, wurden aufgrund ihrer rastlosen Mühen um den Weiterbestand des Orchesters zu Ehrenvorsitzenden des neuen Trägervereins gewählt. Intendant Jochen Thärichen konnte mit glücklicher Hand zusammen mit dem Chefdirigenten Lior Shambadal die internationale Tourneentätigkeit ausbauen, unter seiner beispiellos erfolgreichen Ägide wurde auch in der förderungslosen Zeit die Abonnentenzahl gesteigert und es gelang, immer mehr Solisten von Weltrang zu den einzelnen Konzerten zu verpflichten. Die damalige Opposition im Abgeordnetenhaus versprach im Falle eines Regierungswechsels die Förderung für die Berliner Symphoniker® wieder aufzunehmen, zumindest war man sich hier des künstlerischen Wertes des Orchesters trotz seiner Abwicklung bewusst. Doch erst als Reinhard Führer (von 1991 bis 2001 Vizepräsident und Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses) 2013 den Vorsitz des Trägervereins übernahm (bis 2016), gelang es, für das neu geschaffene Projekt „Junior Classic“, das mit günstigen Tickets, besonderen Einführungsvorträgen und Gesprächen mit Musikern jüngere Menschen an die Klassik heranführte, beim Senat kleinere finanzielle Mittel anzufordern. Leider verstarb der langjährige Intendant Jochen Thärichen im April 2017, womit eine mehr als halbjährige Interimszeit begann; alle Geschäfte wurden jetzt ausschließlich durch den neuen Vorstand des Trägervereins und seinen Vorsitzenden Peter Pucks erledigt. Erst im November 2017, als ein neuer Vorstand gewählt und mit Peter P. Pachl ein pragmatischer langjähriger Musikmanager zum Intendanten berufen wurde, konsolidierte sich die Situation wieder. Vorstandsvorsitzender wurde jetzt der mehr als erfahrene Kulturmanager Heinz-Dieter Sense, der bis 2016 Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele und seit 1995 an der Deutschen Oper Berlin als stellvertretender Intendant, Geschäftsführer und seit 2003 auch als Künstlerischer Direktor tätig war.

Seit über fünfzig Jahren sind die Berliner Symphoniker® ein fest verankerter Pfeiler des Berliner Musiklebens. Zwar waren sie totgesagt, zwar wollten anfangs des dritten Jahrtausends nur wenige an ihr Überleben glauben. Doch fast 15 Jahre nach jener unverdienten Insolvenz stehen sie ungebrochen, ja künstlerisch vollendet vor uns. Sie haben ihren gebührenden Platz als Spitzenensemble in Berlin und sich damit als eines der großen deutschen Symphonieorchester behauptet.

Dr. Gunnar Strunz

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