30 Jahre Mauerfall – Friedliche Revolution

Mit ihrem Sinfoniekonzert Wendezeiten vom 10.11.2019 wiederholen die Berliner Symphoniker ihr Konzert vom 12.11.1989 und erinnern musikalisch an den 30. Jahrestag des Mauerfalls vom 9.11.1989 und die Friedliche Revolution in der ehemaligen DDR. Eine Ausstellung im Foyer der Philharmonie mit Texten und historischen Fotos zeigt das Orchester um die Zeit des Mauerfalls. Bei dem Konzert am 10.11.2019 spielen Musikerinnen und Musiker mit, die bereits am 12.11.1989 dabei waren. Damals wie heute stehen Werke von Mozart (Klavierkonzert c-moll KV 491) und Bruckner (4. Symphonie) auf dem Programm.

Herzlichen Dank an Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB für ihr Grußwort anläßlich des Konzertes Wendezeiten.

Die Berliner Symphoniker (bis 1992 hieß das Orchester Symphonische Orchester Berlin – SOB) sind wie kein anderes Berliner Orchester mit dem Mauerbau 1961 und dem Mauerfall 1989 in ihrer Entstehung und ihrem weiteren Werdegang verbunden.

Ende der fünfziger Jahre existierten im Westteil Berlins zwei privat getragene Symphonieorchester: das »Berliner Symphonische Orchester« unter Carl August Bünte und das »Deutsche Symphonieorchester« unter Hans-Joachim Wunderlich. Nach dem Mauerbau im August 1961 nahmen diese beiden Orchester die sogenannten Grenzgänger auf, jene Musikerinnen und Musiker, die im Westteil der Stadt wohnten und durch die Schließung der Grenze ihren Arbeitsplatz im Ostteil der Stadt verloren hatten. 1966 schlossen sich beide Orchester zusammen und nahmen unter dem neuen Namen »Symphonisches Orchester Berlin« (SOB) die Konzerttätigkeit auf.

Die Folgen des Mauerfalls und der Vereinigung Berlins waren für das Orchester mit tiefen Einschnitten und dessen Umstrukturierung und Neuaufstellung in den Jahren 2004/05 verbunden.

Das Konzert am 12. November 1989 war das Debütkonzert von Alun Francis im Amt des neuen Chefdirigenten des SOB. 276 Zuhörerinnen und Zuhörer aus der DDR nutzten drei Tage nach der Maueröffnung das spontane Freikartenangebot des SOB für das Konzert am 12.11.89. Um zukünftig auch Publikum aus dem Ostteil der Stadt zu gewinnen, erhielten in den folgenden Konzerten des SOB Besucherinnen und Besucher aus der DDR 50% Ermäßigung auf die Eintrittpreise.

 

Orchesterfoto von 1989

Wie erlebten die Musikerinnen und Musiker die Zeit um den Mauerfall 1989

Christiane Buchenau, Solobratsche

»Der November 1989 war, wie auch schon die Monate vorher, aufregend und unruhig. Am 4.11. hatte in Ostberlin auf dem Alexanderplatz die erste freie Demonstration in der DDR stattgefunden. Da ich an diesem Abend in Rostock den Messias von G.F. Händel spielte, konnte ich mit großem Bedauern zu Hause in Berlin nicht dabei sein. Wir verfolgten die Demo vor dem Fernseher, waren erleichtert und froh, daß sie friedlich und ohne Gewalt statt gefunden hatte, alle Menschen waren in Aufbruchsstimmung. Am Abend im Konzert während des Rezitativs ›tröste Dich, tröste Dich mein Volk‹ erhob sich das Publikum spontan und still. Ein sehr bewegender und berührender Moment, ruhig, leise, in der Stille lag die Kraft. Am 09.11. abends kam ich von einer Sitzung des Runden Tisches. Die Nachrichten hatten wir dadurch nicht gehört. Mit einem Freund wollte ich noch ein Bier trinken gehen. Der Ober brachte etwas mürrisch das Bier und kassierte sofort mit den Worten ab, die Mauer sei auf und er fahre jetzt ›rüber‹. Ich sagte ihm, er möge vorsichtig mit solchen Finten sein, eines Tages nehmen ihn die Leute mal ernst…Zu Hause angekommen, schaltete ich den Fernseher (ARD) ein. Nie werde ich vergessen, wie sich das Bild im Röhrenfernseher langsam abzeichnete und wirklich (!) Menschen auf der Mauer standen. Sofort zogen wir los nach ›drüben‹, um endlich das andere Berlin kennenzulernen und natürlich mit allen Menschen zu feiern. Am nächsten Tag um 10 Uhr saß ich völlig durchnächtigt aber glücklich am Pult zur Probe meines damaligen Orchesters. Seit 2000 spiele ich bei den Berliner Symphonikern.«

Viorel Chiriacescu, Paukist

»Für mich persönlich hat der Mauerfall erst am 22.12.1989 stattgefunden. Ich durfte dank meines Engagements am Theater Senftenberg als Orchestermusiker in der ehemaligen DDR sein. Die Öffnung der Grenze im November galt zunächst nur für DDR-Bürger. De facto musste ich mich damals mit den Erzählungen über den lang ersehnten ›Westen‹ von meinen Kollegen begnügen. Auf einer Seite habe ich mich mitgefreut, aber ich war wiederum traurig, kombiniert mit einem Gefühl der Machtlosigkeit, wegen der Erkenntnis, dass das land Rumänien – wo ich geboren bin – keine großen Unterstützer hat und ›Perestroika‹ und ›Glasnost‹ verpassen wird. Am 22.12.1989 bin ich zusam-men mit drei rumänischen Kollegen nach Berlin gereist, um Weihnachtseinkäufe zu tätigen und nebenbei zum für mich ›obligatorischen‹ Spazieren zum Brandenburger Tor. Ahnungslos sind wir dahin gelaufen und wir sahen, dass sich eine relativ große Menge von Menschen versammelte und einfach wartete. Es sprach sich herum, ›heute öffnen sie das Tor‹. Es kamen immer mehr Menschen und so waren wir mitten ins Geschehen hineingeschlittert.

Manche hatten kleine Radios dabei und so verbreitete sich schnell die Nachricht, dass der Machthaber Rumäniens, Ceausescu, und seine Frau auf der Flucht seien. Ich konnte es erstmal nicht glauben! Die Masse war wie hypnotisiert und jedes Mal, wenn im Radio die Nachricht wieder kam, folgte gleich hinterher ein lautes freudiges ›Hurra‹.

Nach ein paar Stunden im Stehen und wartend, begann sich plötzlich die Masse in Richtung ›Goldelse‹ zu bewegen und so befanden wir uns auf der anderen Seite des Tores. In dem Moment war ich vor Freude überwältigt, erstens befand ich mich auf West-Berliner Territorium und zweitens schien es möglich zu sein, dass Rumänien doch die Fahrt in die Welt der Demokratie wagt! Der Lauf der Historie ist bekannt. In meiner beruflichen Laufbahn kam es wie es kommen musste: aus wirtschaftlichen Gründen wurde das Orchester 1993 aufgelöst. die Stadt Senftenberg konnte sich für ihre Größe mit circa 30.000 Einwohnern das Orchester finanziell nicht mehr leisten und das Land Brandenburg auch nicht. Ich zog nach Berlin und durch die Künstlervermittlung kam ich mit dem Orchester – damals unter dem namen ›Symphonisches Orchester Berlin‹, heute als ›Berliner Symphoniker‹ bekannt – zum ersten Mal in Kontakt. Seitdem fühle ich mich dem Orchester sehr verbunden und ich liebe es, in dieser Stadt zu leben.«

Alicja Stadlinger, seit 1976 in den 2. Violinen

»Eigentlich kam ich 1973 nur für einen kurzen Besuch von Warschau nach West-Berlin; eher zufällig spielte ich dann an der Hochschule der Künste vor (der heutigen Universität der Künste) und studierte schließlich bei Prof. Borries Violine. Drei Jahre später, 1976, bestand ich das Probespiel beim SOB (heute: Berliner Symphoniker). Ich wanderte zwischen den Welten ›Warschau‹ und ›West-Berlin‹. Im August 1989 wurde meine süße Tochter Sophie geboren. Kurz danach, am 9. November, verfolgten wir im Fernsehen die Maueröffnung und sahen, wie sich die Menschen aus Ost und West in die Arme schlossen. Auch nach diesen denkwürdigen Ereignissen setzten wir unsere wichtige Arbeit fort, der jungen Generation in den Schulen die Musik näher zu bringen und in unseren Konzerten das Berliner Publikum glücklich zu machen. Das ist uns bis heute gelungen und das wollen wir mit Ihrer Unterstützung fortsetzen.«

Susanne Busching-Brero, ehemalige Solocellistin

»Im Sommer 1984 habe ich, noch als Studentin an der HdK Berlin – für mich sehr überraschend – das Probespiel um die Solocellistenstelle beim Symphonischen Orchester Berlin (heute: Berliner Symphoniker) gewonnen und im Oktober dann meine Stelle dort angetreten. Damals war das Orchester im aufwind. Wir bekamen alle zwei Jahre zwei neue Planstellen dazu. 1988 wollte der Senat dann das Orchester erstmals schließen, was damals glücklicher-weise vom Abgeordnetenhaus verhindert wurde.

Als 1989 die Mauer geöffnet wurde, war ich schwer krank und konnte die Vorgänge nur im Krankenhaus am Fernsehen verfolgen. Die neue Situation, mit plötzlich doppelt so vielen Orchestern in Berlin, war für uns sehr ungünstig. Wir hatten immer wieder mit Schließungsplänen zu kämpfen und 2004 ist es ja auch gelungen, dem Orchester jegliche öffentlichen Zuwendungen zu entziehen. Ich habe mich dann mehr und mehr aufs Unterrichten verlegt und für die Mitwirkung bei den Berliner Symphonikern immer weniger Zeit gefunden. Mit diesem besonderen Konzert, mit so einem schönen Programm, möchte ich das im Jahr 1989 versäumte nachholen.«

Das Projekt Wendezeiten-Programm von 1989 wird gefördert vom
Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED Diktatur

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